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Lebendiges Wasser

12.06.2015 - 0 Kommentare

Wenn man eine Kirche betritt, fällt der erste Blick meist auf den Altar, die Kanzel, die Orgel oder die farbenfrohen Fenster – doch spätestens dann rückt auch der Taufstein in den Fokus des Besuchers.

 

Die Taufe ist ein uralter Ritus aus der Zeit des Neuen Testaments und steht für die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft oder auch als öffentliches Glaubenbekenntnis. Wurden in den ersten Jahrhunderten der Kirche meist nur Erwachsene durch Untertauchen in „lebendiges Wasser" getauft, setzte sich im Laufe der Zeit die Kindstaufe und somit das Übergießen des Täuflings mit Wasser durch.

 

Aus den anfänglich metergroßen Taufbecken wurden nach und nach Taufsteine, wie man sie heute noch in vielen Kirchen kennt. Da das in der Osternacht geweihte Taufwasser das ganze Jahr hindurch in dem steinernen Behälter blieb, hatten viele Taufsteine einen Deckel, der das Taufwasser vor Verunreinigungen bewahren sollte. Lediglich in einigen Freikirchen wird bis heute noch durch Untertauchen getauft, so etwa bei den Baptisten. In der Treysaer Christuskirche befindet sich daher ein begehbares Taufbecken direkt hinter dem Altar.

 

 

 

Vom Becken zur Schale

 

 

 

 

Ab dem Barock wurden immer häufiger Taufschalen, meist aus Messing oder Silber, eingesetzt, aufgrund ihrer kompakten Form erlaubten sie nun auch Taufen außerhalb der Kirche, beispielsweise zuhause oder im Freien. Aus einer Kanne goss der Pfarrer das Wasser in die Schale, die oftmals reichhaltig verziert war. Vorhandene Taufsteine erhielten eine Halterung aus Metall, sodass man die flache Schale über der Vertiefung platzieren konnte.

 

In jüngeren Kirchen sieht man heutzutage eher Taufständer, sie sind filigraner und darüber hinaus auch beweglich. Von ihren massiven Vorgängern geht jedoch bis heute eine Faszination für die uralte Steinmetzkunst aus. Ein besonders altes Exemplar ist in der Kapelle Schönberg zu bewundern. Es ist noch älter als die heutige Kirche, die aus dem 12. Jahrhundert stammt, und stand vermutlich bereits im Vorgängerbau, der Ende des ersten Jahrtausends auf dem Berg errichtet wurde.

 

Der behauene Sandstein in der Treysaer Stadtkirche ist gotischen Ursprungs. Zwar steht er erst seit 1962 im Chorraum, doch stilistisch passt das achteckige Modell zu den Säulen der ehemaligen Klosterkirche.

 

Die Martinskirche auf dem Christenberg entstand in mehreren Epochen, das schlichte Taufbecken aus Rotsandstein stammt aus dem 15. Jahrhundert. In der Homberger Kirche Sankt Marien ist ein heller Taufstein zu sehen, „1617" ist auf seinem Sockel zu lesen.

 

Viele Gotteshäuser sind zumindest im Sommer „offene Kirchen", ein Blick hinein lohnt sich immer und vielleicht entdeckt man auch den einen oder anderen Taufstein – der könnte sicherlich so manche Geschichte aus den vergangenen Jahrhunderten erzählen.

 

Uli Köster

 

 

 

 

 

 

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