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Die Dornröschenstadt feiert

28.05.2015 - 0 Kommentare

„Hofgeismar hat Hessentach :)" – so steht es auf den Plakaten, die in diesem Jahr vom 29. Mai bis 7. Juni in Hessens hohen Norden einladen. Der Hessentag ist einzigartig; kein anderes deutsches Bundesland hat ein solches Landesfest, bei dem sich alljährlich Hunderttausende auf den Weg machen, um immer wieder neu ein anderes Stück ihrer Heimat kennenzulernen.

 

Dass sich dabei der Klassiker „Hessentag" auch immer wieder neu erfindet, versteht sich fast von selbst. Und tatsächlich hat es bis jetzt jede Hessentagsstadt verstanden, ihre Besonderheiten in den Mittelpunkt zu stellen. Hofgeismar, 1082 erstmals urkundlich als Hovegeismar erwähnt und seit 1223 mit Stadtrechten ausgestattet, tritt mit seinen rund 15.000 Einwohnern an als die „Dornröschenstadt".

 

 

Und tatsächlich: Das Dornröschen-Märchen wurde nicht nur von den – im knapp 30 Kilometer entfernt liegenden Kassel lebenden – Märchenbrüdern Jacob und Wilhelm Grimm zuerst aufgeschrieben und 1812 in ihren Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Nein, der Romantik verpflichtete Künstler taten auch alles, um diese Märchen mit hessischen Orten in Verbindung zu bringen. Der Maler Otto Ubbelohde, der vor gut hundert Jahren eine Jubiläums-Ausgabe der Grimm’schen Märchen illustrierte, siedelte Dornröschen in der Ruine der Sababurg an. – Heute befinden sich dort ein Hotel und ein großer Tierpark sowie der „Urwald Sababurg". Das alles gehört zur Gemarkung der Stadt Hofgeismar, die – an der Deutschen Märchenstraße gelegen –
hart daran arbeitet, das Prädikat „Dornröschenstadt" ganz amtlich auf ihren Ortsschildern führen zu dürfen.

 

Das ist weniger ein romantischer Gedanke als ein wirtschaftlicher. Denn das von den Grimms populär gemachte Märchen ist weltweit bekannt. Es heißt, nicht nur die Amerikaner, sondern vor allem die Japaner sollen es lieben – was liegt da näher, als mit dem Alleinstellungs-Merkmal „Dornröschenstadt" Touristen hierher zu „locken"? Der jetzt beginnende Hessentag 2015 wäre also so etwas wie eine Generalprobe.

 

Zumindest das Hessentagspaar passt da ins Bild. Rebecca Ross und Andreas Richhardt kommen nicht – wie bisher bei Hessen-tagen üblich – in der regionalen Tracht daher, sondern als Prinzessin und Prinz. Sie sind auch nicht eigens für den Hessentag ausgewählt worden, sondern treten schon seit geraumer Zeit auf der Sababurg bei Feiern und Gesellschaften als Märchengestalten auf. Sababurg, am Reinhardswald gelegen, ist neben Beberbeck, Hombressen und Hümme einer der acht Stadtteile, die mit zur Kernstadt gehören. Außerdem gehören dazu die Dörfer Carlsdorf, Kelze, Schöneberg und Friedrichsdorf, die im 17. Jahrhundert von Hugenotten, protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, gegründet wurden und Kultur und Wirtschaft Nordhessens bereicherten.

 

 

 

Ein Standort

 

moderner Unternehmen

 

 

 

 

Hofgeismar hat also seine historischen Erfahrungen mit der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen. Auch sonst hat Hofgeismar ein durchaus realistisches Verhältnis zur Welt. Da wären die Firma Autokühler und die Evangelische Altenhilfe als größte Arbeitgeber am Ort. Autokühler – eigentlich AKG GmbH – ist ein sogenannter Global Player. Die AKG Verwaltungsgesellschaft in Hofgeismar steuert als Dienstleistungsunternehmen den Fortschritt und Erfolg der gesamten Gruppe, die mit mehr als 2400 Mitarbeitern über 2,5 Millionen Wärmeaustauscher im Jahr in unterschiedlichen Ausführungen fertigt. Weltweit sind dabei 13 eigenständige Produktionsstätten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Lettland, Türkei, Indien, USA und China sowie neun weitere Auslandsvertriebsgesellschaften rund um die Uhr im Einsatz.

 

In der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen, vor mehr als 120 Jahren in Hofgeismar gegründet, sind heute rund 2000 Menschen beschäftigt. An 18 Standorten betreuen und versorgen sie ältere Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in 22 stationären Einrichtungen und mit ambulanten Diensten, in der Tagespflege und in Einrichtungen des Betreuten Wohnens sowie in einem Hospiz. Ein eigenes Aus- und Fortbildungszentrum und ein geriatrisches Krankenhaus komplettieren die Hofgeismarer Altenhilfe.

 

Für qualifizierten Nachwuchs und kontinuierliche Fortbildung der Mitarbeiter/Innen sorgt die Altenpflegeschule (DAFZ), denn Altenpflege ist längst ein Wachstumsmarkt: Schon jetzt ist der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften groß, in den kommenden Jahren wird er weiter steigen – durch den demographischen Wandel wächst auch die Zahl derjenigen, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind. Altenpflege ist ein abwechslungsreicher und vielfältiger Beruf. Eigenverantwortliches Handeln, Planen und Dokumentieren gestalten den Berufsalltag. Medizinische und pflegerische Kenntnisse wie auch soziale und psychologische Fähigkeiten qualifizieren Altenpfleger und Altenpflegerinnen auf hohem Niveau.

 

Das DAFZ kann auf eine über 50-jährige Tradition zurückblicken: die staatlich anerkannte Altenpflegeschule gibt es seit 1962 und seit 1986 den Fachbereich „Fort- und Weiterbildung".

 

Gleich daneben findet sich der dritte große Arbeitgeber am Ort: die Evangelische Kirche von Kurhessen und Waldeck mit ihrem Predigerseminar und ihrer Akademie. Wie der Name schon sagt, geht es im Predigerseminar darum, den Nachwuchs für den Pfarrberuf hier im zweiten Ausbildungsschritt zu begleiten. Wer das Studium hinter sich gebracht und das landeskirchliche Examen bestanden hat, bekommt seine praktische Ausbildung als VikarIn in den Kirchengemeinden. In regelmäßigen Abständen wird diese Praxis durch Lehrveranstaltungen hier in Hofgeismar ergänzt.

 

Desweiteren spricht das Predigerseminar mit seinen Aus- und Fortbildungsveranstaltungen auch Pfarrer und Pfarrerinnen im Dienst sowie Lektorinnen und Lektoren der Landeskirche an. Im zum Haus gehörigen Synoden-Saal finden hier zweimal jährlich die Tagungen der Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck statt.

 

In Blickweite befindet sich im Schlösschen Schönburg die Evangelische Akademie, eine der landeskirchlichen Plattformen in der Bundesrepublik, die Interessierten Gelegenheit zum Gedankenaustausch bieten. So sollen neue Trends frühzeitig problematisiert und für brennende Fragen der Zeit Antwortversuche gefunden werden. Kirche will so Entwicklungen im Sinne christlicher Ethik beeinflussen. Die Arbeit der Akademie wird von dem Konvent der Studienleiterinnen und Studienleiter unter Leitung ihres Direktors Pfarrer Karl Waldeck gestaltet.

 

In Geschäftsführung, Sekretariat und Hauswirtschaft sind zusammen mit der Tagungsstätte rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den reibungslosen Ablauf der Tagungen verantwortlich. Neben den ungefähr 70 Akademieveranstaltungen im Jahr mit fast 4000 Gästen kommen noch etliche Gasttagungen von Verbänden, Institutionen und Firmen hinzu.

 

Die Lage der Anlage und ihre Gestaltung lassen Besucher rasch in eine beruhigende Atmosphäre eintauchen. Kein Wunder, waren die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäude doch ursprünglich als Kurbad geplant. Das Brunnen-Tempelchen mit seiner Heilquelle erinnert noch daran und wird wohl auch von manchen Einheimischen wegen des Wassers aufgesucht.

 

Die Hessentagsstadt 2015 hat durchaus ihre märchenhaften Stellen, aber sie sucht auch ihren Weg in einer Welt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels. Sie ändert sich und gibt gleichzeitig Impulse in die übrige Gesellschaft. Wir dürfen alle gespannt sein, wie viel davon während des Hessentages ins Land getragen wird.

 

Hannelore Hochhaus

 

 

 

 

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